Eine gute Freundin und ich hätten auch ganz knapp fast eine Wohnung zusammen bekommen, was für mich "der Traum" war, denn die Lage war sehr nah an der Fußgängerzone und das ganze war scheinbar perfekt.
Als das nicht funktionierte kam ich durch meinen Nicht-Allergischen-Bruder an eine christliche WG mit noch drei Mädels. Das Zimmer war 10qm 'groß' aber sehr schön. Ich bin selbst ziemlich klein und hatte auch viele kleine Möbel, die gut ins Zimmer passten - farblich und von der Größe her. Zwei der Mädels und ich verstanden uns super, die dritte war in einem Praktikum in einer fremden Stadt und wir telefonierten bestimmt zwei Stunden, eigentlich nur zum Kennenlernen, aber wir verstanden uns sehr gut.
Der Tag des Auszugs kam nur drei Tage nach der Hochzeit meines Allergischen-Bruders. Es war Spätsommer, noch sehr warm und den letzten Tag verbrachte ich mit meinen Geschwistern an einem See hier in der Nähe. Es war sehr schön und ich dachte noch, dass es ein schöner letzter Tag ist.
Der Tag es Auszugs an sich hatte etwas unwirkliches und es ging sehr schnell, da ich eigentlich nur mit einem Schrank umziehen musste, den Rest der Möbel konnte ich übernehmen.
Für Gismo war das ganze sehr schwierig und es tat mir sehr weh ihn zurückzulassen. Meine Mutter versicherte mir, sie würde sich gut um ihn kümmern und es würde sich daran gewöhnen. Außerdem käme ich ja sowieso am Wochenende nach Hause.
Das Bild schickte mir meine Mutter per mail an meinem ersten Abend, als ich nicht Zuhause war. Ich finde er sieht sehr traurig aus.
Der Auszug war für mich nicht nur wegen Gismo sehr schwierig, sondern auch weil ich kein Handy hatte, weil mir dieses vor der Hochzeit meines Bruders mitsamt Handtasche geklaut wurde. Ich war also wirklich komplett alleine.
Als ich am Wochenende wieder Zuhause war, räumte ich mein Zimmer auf und auch um, weil ich ja keinen Kleiderschrank mehr hatte. Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann Teil2 meines Romans weiterzuschreiben.
Wer ein Buch schreibt oder geschrieben hat, weiß, dass es manche Stellen gibt, auf die man sich total freut und andere, die man irgendwie "wegschreiben" muss, um überhaupt dorthin zu kommen. Ich war am "wegschreiben", freute mich aber schon riesig auf eine thematisch neue Szene. Während ich am Schreibtisch saß, entschied ich, dass ich nun am Wochenende immer schreiben würde. Und dann kam der Gedanke, der alles veränderte:
Was ist, wenn es immer so sein könnte?
Was war, wenn ich nicht zurück zur Uni ging und dieses Semester damit verbrachte meinen ersten Roman wirklich verlagsfertig zu machen und ihn am Ende abschickte? Warum machte ich überhaupt den Master? Wieso wurde alles dem Schreiben vorgezogen? Konnte ich nicht einmal das Schreiben zur Priorität machen?
Ich rief meine Schwester an und stand zu 100 Prozent hinter mir. Sie sagte mir aber deutlich, dass ich diese Entscheidung bald fällen musste. Ich sagte ihr, ich hatte mich schon entschieden.
Es war ein ziemliches Chaos, alles wieder umzuschmeißen, aus der WG auszuziehen, in der ich tatsächlich nur eine Nacht geschlafen hatte, mich mit der Uni auseinanderzusetzen...aber es war die beste und schlimmste Entscheidung, die ich je getroffen habe.
An diesem Tag wollte ich meine Figuren wirklich in den Arm nehmen und festhalten, ich hatte das Gefühl sie sind real und bei mir. Dieser September 2015 war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Die Selbstzweifel und die Motivationslosigkeit, die beim Schreiben ganz normal ist, war noch nicht da. Ich verbrachte viel Zeit mit Gismo, dem es zu diesem Zeitpunkt noch recht gut ging und fühlte mich so, als würde ich wissen, wo es lang geht.
Als ich mit meiner Nachbarin im Garten saß und es ihr erklärte, sagte sie: "Das ist schon richtig, Lisa. Du gehörst hier her."
Im Oktober verlor ich meinen Job, weil ich nicht mehr gebraucht wurde. Das war nicht mehr so dramatisch, da ich ja wieder Zuhause wohnte, aber ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich in der WG geblieben wäre.
Den Roman schickte ich am 15.03.2016 ab. Er wurde nicht veröffentlicht, aber das ist in Ordnung. Wer noch keine Absage bekommen hat, kann das nicht verstehen, aber es nimmt einem jegliche Naivität und das ist auch gut so.
Im Oktober kam Lotte dazu. Meine Mutter zeigte mir den Ausdruck von Facebook und wollte wissen, was ich davon hielt. Als sie anfing mit "Wenn du ausziehst und ich dann zwei Hunde hier habe..." und da teilte ich ihr meine Entscheidung mit, dass ich Gismo auf jeden Fall mitnehmen würde, wenn ich auszog. Eine Trennung kam für mich nicht mehr in Frage. Ab diesem Moment war er tatsächlich mein Hund.













